Abwasserbehandlung in der Farbherstellung

Farbherstellung und Lackherstellung umfassen die industrielle Produktion von Dispersionsfarben, Druckfarben, Pulverlacken, Coatings und Spezialfarbsystemen auf Basis von Pigmenten, Bindemitteln, Lösemitteln und Additiven. Prozessbedingt entstehen in der Farb- und Lackindustrie erhebliche Abwassermengen aus Reinigungs-, Misch- und Dispergiervorgängen, die aufgrund ihrer Fracht an Pigmenten, organischen Verbindungen, Tensiden und – je nach Produktsegment – Schwermetallen eine gezielte industrielle Abwasserbehandlung erfordern.

 Inhaltsverzeichnis

1. Was ist Farbherstellung?        
2. Wie entsteht Farbherstellungsabwasser?        
3. Welche Aufgaben und Ziele erfüllt die Behandlung?        
4. Wie funktioniert die Behandlung?        
5. Welche Stoffe bzw. Parameter sind typisch?        
6. Entsorgung und Wiederverwendung        
7. Industrielle Herausforderungen        
8. Gesetzliche Anforderungen        
9. Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist Farbherstellung?

Farbherstellung bezeichnet die industrielle Produktion anwendungsspezifischer Farbsysteme und Lacke aus Pigmenten, Bindemitteln, Lösemitteln, Füllstoffen und funktionellen Additiven. Die Branche gliedert sich in mehrere Produktsegmente:

  • Dispersionsfarben und Wandfarben auf wässriger Basis
  • Druckfarben für Offset-, Tief- und Flexodruck (Druckfarbenindustrie)
  • Pulverlacke und Coatings für die industrielle Oberflächenbeschichtung
  • lösemittelhaltige Lacke und Korrosionsschutzanstriche
  • Spezialfarben für Automobil-, Elektronik- und Verpackungsindustrie

Die Produktion erfolgt überwiegend als Chargenproduktion (Batch-Fertigung) mit häufigem Produktwechsel, was zu hoher Variabilität der Abwasserströme führt. Prozessbedingt entsteht bei nahezu jedem Fertigungsschritt Abwasser, das zur Gruppe der Industrieabwässer aus der Farb- und Lackindustrie zählt und vor der Einleitung behandelt werden muss.
 

Wie entsteht Farbherstellungsabwasser?

Abwasser aus der Farbherstellung und Lackproduktion entsteht an mehreren Prozessschnittstellen: Reinigung von...

  • Mischbehältern
  • Rührkesseln
  • Dispergiermaschinen und Rohrleitungen nach Chargenende
  • Spülwässer beim Produkt- und Farbwechsel, insbesondere bei stark pigmentierten oder lösemittelhaltigen Formulierungen
  • Restmengen und Austräge aus Mahl-, Dispergier- und Mahlprozessen (z. B. Perlmühlen, Kugelmühlen)
  • Filtrations- und Siebrückstände
  • Spülwässer aus der Qualitätskontrolle
  • Waschwässer aus der Druckfarbproduktion und Farbabfüllung
  • Destillationsrückstände und Kondensate bei lösemittelhaltigen Prozessen
  • Boden- und Flächenreinigungen in Produktionshallen

Welche Aufgaben und Ziele erfüllt die Behandlung?


Die Abwasserbehandlung in der Farb- und Lackindustrie verfolgt folgende Ziele:

  • Entfernung von Pigmenten, Farbstoffen und Trübstoffen zur Reduktion der Sichttrübung und Schwebstoffrachten
  • CSB-Reduktion (Chemischer Sauerstoffbedarf) als zentraler Summenparameter für die organische Gesamtbelastung
  • Abtrennung von Polymeren, Bindemitteln, Dispersionen und Emulsionen durch physikalisch-chemische Verfahren
  • Schwermetallabtrennung bei schwermetallhaltigen Pigmentsystemen (Fällung, Flocken)
  • pH-Stabilisierung für nachfolgende Behandlungsstufen und zur Einhaltung von Einleitgrenzen
  • Entfernung von Tensiden und organischen Spurenstoffen (inkl. Biozide)
  • Einhaltung der Einleitbedingungen gemäß AbwV Anhang 40 und kommunalen Vorgaben
  • Sicherstellung der Prozess- und Betriebssicherheit der betrieblichen Abwasseranlage

Wie funktioniert die Behandlung?


Die Abwasserbehandlung für Farbherstellungsabwässer ist mehrstufig aufgebaut und kombiniert physikalische, chemische und biologische Verfahren. Aufgrund der chargenweisen Produktion ist eine ausreichende Pufferkapazität (Ausgleichsbecken) zwingend erforderlich.

Vorbehandlung:

  • Siebung und Grobabtrennung von Pigmentagglomeraten und Feststoffanteilen
  • pH-Anpassung und Neutralisation zur Optimierung nachfolgender Prozessstufen
  • Emulsionsspaltung zur Aufbrechung stabiler Farb-, Polymer- und Bindemittelemulsionen (chemisch oder physikalisch-thermisch)
  • Ausgleichsbecken zur Dämpfung von Konzentrations- und Volumenschwankungen aus der Chargenproduktion

Chemisch-physikalische Verfahren:

  • Fällung und Flockung zur Entfernung von Pigmenten, Schwermetallen, Kolloiden und Additiven, Sedimentation zur Schwerkraftabsetzung flockierter Feststoffe
  • Flotation (Druckentspannungsflotation, DAF) zur Abscheidung feiner und leichter Partikel sowie von Emulsionen
  • Aktivkohleadsorption zur Abreinigung organischer Restfarbstoffe, Spurenstoffe und Biozide

Biologische Behandlung:

  • Belebungsverfahren (aerob) zur Absenkung biologisch abbaubarer CSB-Anteile aus Bindemitteln und organischen Hilfsstoffen
  • Nitrifikation und Denitrifikation bei stickstoffhaltigen Bestandteilen aus Additiven und Azo-Verbindungen
  • MBR-Systeme (Membranbelebungsreaktoren) für hohe Ablaufqualitäten bei verschärften Einleitbedingungen.

Nachbehandlung:

  • Filtration (Sand-, Mehrschicht- oder Membranfiltration) zur Entfernung feiner Restpartikel
  • Ultrafiltration und Umkehrosmose für definierte Ablaufqualitäten und zur Wasserwiederverwendung
  • Schlammentwässerung (Kammerfilterpresse, Zentrifuge) für Fällungs-, Flotations- und Sedimentationsschlämme

Welche Stoffe bzw. Parameter sind typisch?

Abwasser aus der Farbherstellung weist typische Parameter auf:

  • CSB (Chemischer Sauerstoffbedarf): Leitparameter für die organische Gesamtbelastung; hohe Werte durch Bindemittel, Lösemittel und organische Additive
  • BSB5 (Biochemischer Sauerstoffbedarf): Maß für den biologisch abbaubaren Anteil der organischen Fracht
  • Pigmente und Farbstoffe: in gelöster, kolloidaler und dispergierter Form; inkl. Titandioxid, Eisenoxide, organische Farbpigmente
  • Polymer- und Bindemittelreste: Acrylate, Polyurethane, Alkydharze, Epoxide, Tenside und Dispergiermittel; beeinflussen Abscheidbarkeit und biologische Abbaubarkeit
  • Schwebstoffe (AFS): aus Pigmenten, Füllstoffen und Rohstoffresten
  • Schwermetalle (Chrom, Blei, Zink, Kadmium): bei schwermetallhaltigen Pigmentsystemen und Korrosionsschutzlacken
  • Lösemittel (VOC): bei konventionellen Lacken und Druckfarben auf Lösemittelbasis
  • pH-Wert: stark schwankend durch Additive, Neutralisationsmittel und Rezepturbestandteile
  • Organische Spurenstoffe: Biozide, Konservierungsmittel, Flammschutzmittel.

Entsorgung und Wiederverwendung


Für behandelte Abwässer und anfallende Reststoffe aus der Farbherstellung stehen folgende Wege zur Verfügung:

  • Einleitung in kommunale Kläranlagen nach geeigneter Vorbehandlung gemäß AbwV Anhang 40 und Indirekteinleitergenehmigung
  • Interne Kreislaufführung technisch aufbereiteter Spülwässer für definierte Prozesszwecke (z. B. Erstspülungen, Anlagenwäsche)
  • Wasserwiederverwendung durch Membranverfahren (Ultrafiltration, Umkehrosmose) für qualitätsneutrale Prozesswässer
  • Betriebliche Abwasseranlagen zur dezentralen Behandlung vor Ort
  • Entsorgung von Konzentraten aus Membranprozessen und schwermetallhaltigen Schlämmen über zugelassene Entsorgungsfachbetriebe
  • Thermische Verwertung lösemittelhaltiger Konzentrate und Destillationsrückstände

Die Wasserwiederverwendung bezieht sich ausschließlich auf technische Prozesszwecke. Rückgeführtes Wasser muss farbneutral, tensidarm und frei von störenden Kontaminanten sein, um die Produktqualität und Farbkonstanz nicht zu beeinträchtigen. Angesichts steigender Wasserkosten und zunehmender Regulierung gewinnt die interne Kreislaufführung in der Lack- und Farbindustrie deutlich an wirtschaftlicher Bedeutung.

Industrielle Herausforderungen


Die Farb- und Lackherstellung steht vor einer Reihe aktueller Herausforderungen, die unmittelbare Auswirkungen auf das Abwasseraufkommen, die Abwasserzusammensetzung und die Anforderungen an die Behandlungsanlagen haben.

  • Substitution schwermetallhaltiger Pigmente: Der Ersatz von Schwermetallen durch organische Pigmente macht herkömmliche Fällungsmethoden unzureichend. Moderne Anlagen müssen stattdessen auf komplexe Adsorptions- und Biologieverfahren setzen.
  • Wasserbasierte Formulierungen und steigende Abwasserfracht: Wasserlacke erhöhen das Abwasservolumen und die organische Belastung (CSB) durch schwer abbaubare Bindemittel. Bestehende Reinigungssysteme benötigen daher technische Upgrades für höhere Frachten.
  • Abwasservariabilität durch Chargenproduktion: Häufige Produktwechsel führen zu massiven Schwankungen bei Abwassermengen und pH-Werten. Große Ausgleichsbecken und adaptive Dosiersysteme sind essenziell für stabile Grenzwerte.
  • Mikroplastik und Nanopigmente: Da Mikroplastik und Nanopigmente durch konventionelle Verfahren kaum abgetrennt werden, gewinnen Membrantechnologien wie MBR (Membranbioreaktoren) zunehmend an Bedeutung.
  • Wasserwiederverwendung und Kreislaufführung: Die Wiederverwendung von Prozesswasser erfordert absolute Farbneutralität und Freiheit von Emulsionen. Membranen kombiniert mit Aktivkohle sichern diese hohe Wasserqualität für die Produktion.
  • Digitalisierung und Anlagenmonitoring: Die fortschreitende Automatisierung der Produktion erfordert ein präzises Online-Monitoring von Parametern wie CSB, pH-Wert und Trübung in Echtzeit. Digitale Betriebsführungssysteme sind dabei unverzichtbar.

Gesetzliche Anforderungen


Für Indirekteinleiter aus der Farb- und Lackherstellung gelten folgende gesetzliche Regelwerke und Vorgaben:

  • Abwasserverordnung (AbwV) – Anhang 40 (Herstellung von Beschichtungsstoffen, Klebstoffen, Druckfarben): definiert branchenspezifische Mindestanforderungen für CSB, Schwermetalle und weitere Parameter
  • REACH-Verordnung (EG Nr. 1907/2006): Beschränkungen für besonders besorgniserregende Stoffe (SVHC) in Pigmenten und Additiven, mit direkten Auswirkungen auf Abwasserzusammensetzung bei Substitutionsprozessen
  • VOC-Richtlinie (2004/42/EG) und TA Luft: Begrenzung flüchtiger organischer Verbindungen bei lösemittelhaltigen Formulierungen – treibt den Wechsel zu wässrigen Systemen mit erhöhtem Abwasseraufkommen
  • Gefahrstoffverordnung (GefStoffV): Schutzmaßnahmen beim Umgang mit lösemittelhaltigen und toxischen Komponenten, Grenzwerte und Einleitbedingungen variieren standort-, prozess- und betriebsgrößenabhängig.

Die Indirekteinleitergenehmigung durch die zuständige Wasserbehörde bildet die rechtsverbindliche Grundlage für den Betrieb einer betrieblichen Abwasserbehandlungsanlage.

Fazit

Die Behandlung von Abwasser aus der Farb- und Lackherstellung ist aufgrund der Vielfalt der Inhaltsstoffe, wie Pigmente, Bindemittel, Lösemittel und Schwermetalle, eine anspruchsvolle Aufgabe. Eine effektive Abwasserbehandlung gewährleistet nicht nur die Einhaltung gesetzlicher Einleitgrenzwerte, sondern ermöglicht auch die Rückgewinnung von Wasser und die Wiederverwendung innerhalb der Produktion. Die Kombination aus physikalischen, chemischen und biologischen Verfahren, einschließlich innovativer Technologien wie Membranen und Aktivkohleadsorption, ist entscheidend, um die Belastung zu reduzieren und eine nachhaltige Ressourcennutzung zu fördern.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)


Warum ist Abwasser aus der Farbherstellung oft schwer biologisch abbaubar?  


Hochmolekulare Polymere, synthetische Pigmente und funktionelle Additive enthalten stabile organische Strukturen, die von Mikroorganismen nur langsam oder gar nicht abgebaut werden.  

Welche Verfahren eignen sich besonders für die Pigmententfernung?  


Fällung und Flockung in Kombination mit Flotation (DAF) und nachgeschalteter Filtration sind der Standard.  

Entsteht Stickstoff im Abwasser der Farbherstellung?  


Ja – bei Einsatz schwermetallhaltiger Pigmente (z. B. Chromgelb, Bleimennige, Kadmiumpigmente, Zinkoxide) sowie bei Korrosionsschutzlacken sind Schwermetalleinträge ins Abwasser möglich.  

Welche Rolle spielt die Emulsionsspaltung?  


Farb- und Lacksysteme auf Emulsionsbasis bilden im Abwasser stabile Öl-in-Wasser-Emulsionen, die konventionelle Abscheideverfahren blockieren. Die Emulsionsspaltung – chemisch oder physikalisch-thermisch – ist daher oft der erste und entscheidende Behandlungsschritt.  

Warum ist Aktivkohle häufig Bestandteil der Nachbehandlung?  


Aktivkohle adsorbiert organische Restfarbstoffe, Biozide und Spurenstoffe, die durch physikalisch-chemische und biologische Stufen nicht vollständig eliminiert werden.

Kontakt aufnehmen

Kontakt

Allgemeiner Kontakt

Allgemeiner Kontakt

+49 6154 6998 0